Schnipselmontag (18): Vom zweifelhaften Vergnügen, die Süddeutsche Zeitung lesen zu dürfe8

Ich hatte heute das durchwachsene sog. Vergnügen, die SZ zu lesen. Vier Beispiele:

Seite 6, Überschrift „Pass für ein fremdes Mutterland“: „In Zeiten des Schengener Abkommens, das Grenzkontrollen abschafft, greift dieser Bazillus beispielsweise auch auf Südtirol über: Dort agitiert die regierende Volkspartei für eine automatische österreichische Staatsbürgerschaft neben der italienischen. […] Die Magyaren mochten damals nicht den wilden Mann im Karpatenbecken spielen. […] Eine regelrechte Invasion von außerhalb der EU steht der Union aber erst mit dem Beitritt Kroatiens bevor: […]“

Seite 10, „Lang Langs Ekstasen und Erleuchtungen“: „Nach dieser nicht eben fesselnden Erfahrung musste man sich vor der ‚Appasionata‘ geradezu fürchten. Immerhin: Deren Finale provozierte Lang Lang doch dazu, dynamisch etwas gemäßer zu spielen: In Beethovens Presto-Stretta imponierten seine physischen wie psychischen Reserven. Dem Kopfsatz fehlte – wenn nicht gerade Fortissimo-Ausbrüche zu bewältigen waren – im leisen und mittleren Bereich die klangliche Sonorität (was auch an der Gasteig-Akustik liegen kann) und mehr noch die rhytmische Schärfe. Lang Lang verwischte in diesem Allegro Assai den Unterschied zwischen Achtel und Sechzehntel. Aber die Moll-Terzen des Hauptthemas müssen hier als unheimlich knappe Sechzehntel erscheinen und wirklich nicht als verbindliche Achtelnoten.“

Seite 12, „Anything Ghost“, Thema: Helene Hegemanns 18ter Geburtstag im Tresor: „Dunkles Geheimnis Heterosexualität, ich könnte kotzen. […] Gefickt wird hier erstmal nicht. […] Ich kann mich grad nicht entscheiden, aus welchem Grund ich weinen muss. […]“

Seite 33, „Die schönste Stadt Deutschlands“, Thema ist Köln und seine Bummstruppe 1.FC: „Bisher hatte er (der Stadionsprecher)  die auswärtigen Klubtouristen immer in der ’schönsten Stadt Deutschlands‘ willkommen geheißen. Den Gegensatz zwischen diesem dreisten Anspruch und der gebauten Wirklichkeit der Stadt lässt zwar selbst Besucher aus Gelsenkirchen oder Wolfsburg lächeln, aber das ist völlig egal, weil die Botschaft sich gar nicht an die Fremden, sondern an die Einheimischen richtet. Es ist die Versicherung von Heimat und kölscher Geborgenheit, und der 1.FC Köln mitsamt dem quasikatholischen Dauerkarneval in seinem herrlichen Stadion sind Teil dieser erfüllten Identität und Selbstwahrnehmung. […] Es ist so weit gekommen, dass viele sich nicht mehr wohlfühlen in der schönsten Stadt Deutschlands. […] Der FC wird deswegen nicht absteigen, aber seine Perspektive in der Bundesliga ist die gleiche wie die seiner Heimatstadt im gemeinen Alltag: Man ist gewzungen, am existentiellen Abgrund zu improvisieren.“

Wundert sich über fast nichts mehr bei seinem Hausblatt, seit er dort auf der Titelseite das Wort „Volkszorn“ in einem angeblich nachrichtlichen Text gelesen hat: Tante Taifun

Eine Antwort zu “Schnipselmontag (18): Vom zweifelhaften Vergnügen, die Süddeutsche Zeitung lesen zu dürfe8

  1. meiner, also ich würde den satz „gefickt wird erstmal nicht“ gerne in einem nachrichtlichen text lesen und nicht in einer als „coverversion“ angekündigten parodie. der journalismus braucht den authentischen drogenrausch, nicht den gespielten. vor allem im politik- und wirtschaftsteil.

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