Cover up the art

Die Songs von Rod Stewart und den Beatles wurden ja nicht etwa berühmt, weil sie so gut waren. Sondern weil siehunderttausendfach in evangelischen und anderen Liederbüchern abgedruckt und mindestens ebenso oft gecovert wurden. Klampfe, Lagerfeuer, zwodreivier: „I am sailing, I am saihiiiiliiing!“ Ruhm zwischen zwei Buchdeckel gepresst und bei Bedarf in trauter, wein- und bierseliger Runde abgenudelt. Aus, vorbei.

Stewart als auch evangelische Liederbücher haben, so hört man, ihren Zenith wohl hinter sich. Das Cover aber ist nach wie vor da, dem Internet zum Trotz. Zum Trotz? Nein, wegen des Internets startet das Cover erst so richtig durch. Leichter kann man die eigene Bewunderung und das mangelnde Talent ja kaum öffentlich machen, als etwa auf dem gigantischen Lagerfeuer Youtube. Doch folgen die alten und neuen Lagerfeuer-Rotwein-Cover noch fromm der vorgegebenen Instrumentierung, so loten die professionellen Neuinterpretationen neue Wege aus. An Elektropopbands wie Hot Chip oder MGMT lässt sich das hervorragend nachvollziehen: Gibt man in der Musikblogsuchmaschine Hypemachine die Suchworte MGMT und Cover ein, bekommt man die Versionen von drei Songs der Band – Kids, Time to pretend, Electric Feel – dargeboten von 12 verschiedenen Künstlern, darunter Katy Perry, The Kooks oder Little Boots. Anders als diese drei, nimmt der australische Liedermacher Ben Lee dem Dancefloorfiller Kids jeglichen Schwung und macht daraus, nun ja, eine Lagerfeuerversion.

Ähnliches passiert auch, wenn Glen Hansard Justin Timberlakes „Cry me a river“ in Angriff nimmt. Rein optisch geht das klar und ist kein allzu weiter Spagat,: vom irischen Rotschopf Hansard zum amerikanischen Dreitagebart Timberlake. Aber was für ein Stretching, musikalisch! Von Kopfstimme (Timberlake) zu Bruststimme (Hansard), von discotauglich zu Mix-CD-erprobt, von der Sonne Kaliforniens zum Regen Irlands. Nicht zuletzt: von Chart zu Art.

Und genau das ist dann auch schon der Qualitätssprung, der durch die im Internet kostenlos verbreiteten Cover erreicht wird: Songs, die im Original durch ihre einfachen Strukturen und Wiedererkennbarkeit auffallen, werden durch die Neuinterpretationen künstlerisch aufgewertet. Sie dienen quasi als Requisiten, mit denen sich aber völlig andere Stücke aufführen lassen. So werden aus zurecht vergessenen Charthits wie dem grässlichen R&B-Monster Thong Song von Sisqo genießbare Lieder, deren Texte man endlich auch mal versteht – sofern man sich natürlich die Ukulele-Version von Mama Goose and Diamond Chest aus San Francisco und nicht den Remix eines gewissen Alex Rage zu Gemüte führt.

Der Remix ist natürlich, wie das Cover, ein Nutznießer des Internets, sozusagen ein kleiner Bruder. Er ist aber eben auch nur ein neues Arrangement vertrauter Beats und Hooklines. Wie ein tieferelegter, aufgemotzter Honda Civic mit 220er Schlappen und Unterbodendisco. Das sollte man ja auch nicht machen. Es sei denn natürlich, man erledigt es dezent wie Classixx aus Los Angeles. Die machen Phoenix‘ Lisztomania so nackig, dass man nicht mehr tanzen, sondern mit einem sehr kühlen, sehr leckeren Drink an einem sehr sonnenbeschienenen, sehr leeren Strand liegen und ruhen möchte.

Notiert von: Tante Taifun

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s