Radeln für Radler: die Critical Mass in Leipzig

Vielleicht 30, 40 Radler sind es, die am vergangen Freitag auf dem Augustusplatz klingelnd das Startsignal geben. Für eine Demonstration der Freude am Fahrradfahren, die keine Demonstration im versammlungsrechtlichen Sinne ist und sein will. Für die Critical Mass (CM), eine gewaltfreie Protestform, die sich für mehr Verständnis für die Rechte von Radfahrern stark macht, ein geradeltes Plädoyer für das sichere Radfahren. In Leipzig findet CM an jedem letzten Freitag im Monat statt, so auch wieder am vergangenen.

Insgesamt haben sich rund 70 Radler zur CM vor der Oper eingefunden, die meisten haben im Internet von dem Treffpunkt erfahren. CM fand erstmals 1992 in San Francisco statt. Die größten CMs in Europa finden in Budapest statt: Bis zu 100.000 Radler strampeln dort für ihre Rechte.

Anders als die artverwandten Flash Mobs haben CMs ein Anliegen und dem stehen am Freitag die Straßenverkehrsordnung (StVO), fünf Mannschaftswagen der Polizei und ein Motorradpolizist im Weg. Zwei Polizisten schlendern zu den Radlern. Einer der Beiden hält einen Zettel in der Hand, gelb sind ein paar Stellen markiert, die StVO. Er spricht drei Männer mittleren Alters an, die mit StVO-gerechten Rädern angereist sind. Was sie hier vorhätten, wo sie hinwollen, solche Fragen stellt der Polizist, nett und verbindlich im Ton. Aber ohne Chance gegen die argumentativ bestens gerüsteten Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC. Später sagt einer der Männer, dass der ADFC sich zwar mit der Materie beschäftige, man aber hier als Privatmann mitfahre. Eine wichtige Unterscheiung, denn Critical Mass ist keine organisierte Veranstaltung mit einem Anführer, der bestimmt, wo es langgeht. Vielmehr bilden die zufällig zusammengekommenen Radler einen losen Verband.

Inzwischen haben immer mehr Radler in das Klingeln eingestimmt, dann rollt einer los, dreht eine Runde um den Brunnen, mehr schließen sich an, drehen weitere Runden. Plötzlich biegen sie ab und überqueren, bei Grün, den Ring zur Hauptpost. Von da an verfolgt die Polizei die Kolonne. Es geht zur Nürnberger Straße, über die Goldschmidstraße zurück auf die Prager Straße, dann runter zum Ostplatz, hinein in den Friedenspark. Nur der Motorradpolizist kommt hier mit, die Mannschaftswagen müssen draußen bleiben. Im Park ruft ein Radler: „Umdrehen!“ Wie ein Schwarm Fische wenden die Radler und kehren zum Ostplatz zurück. Dort erwartet sie schon der Motorradpolizist. Man winkt sich.

Wo man auch hinfährt, die Polizei ist immer da, sperrt sogar manche Straßen ab. Fast ein harmonisches Miteinander, das nur ab und zu durch Lautsprecheransagen aus den Mannschaftswagen unterbrochen wird: Man solle sich bitteschön an das Rechtsfahrgebot halten.

Im Mai war die Critical Mass nicht so reibungslos abgelaufen. Einer der Teilnehmer war von einem Polizisten unsanft zu Fall gebracht worden, Schürfwunden die Folge. Ein Teilnehmer sagt, das liege daran, dass sich die Bereitschaftspolizisten gelangweilt hätten: „Die haben auch Besseres zu tun, als Radfahrern Geleitschutz zu geben.“ Die Polizei war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Der Text ist am Montag, den 29. Juni 2009, in der Leipziger Volkszeitung erschienen. Autor: Dominik Schottner.

Eine Antwort zu “Radeln für Radler: die Critical Mass in Leipzig

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