Streamline…Baby. Die Wahrheit über Buchmessen.

Neulich im Zug nach Dresden: Buchmesse vorbei. Das Abteil voll. Übermüdete Kinder, die weinen, überforderte Mütter, die schreien. Der Schaffner unterfordert, weil nicht mehr sich selbst fordernd. Vor mir eine Gruppe Mangafiguren im Streit um den letzten Sitzplatz mit einer Abordnung Aliens vom Planeten Halle3. Tür auf, Tür zu. „Sehr geehrte DamenundHerren, ich begrühhhse sie im Reschionaleckspress nach Dräsdn. Bidde räumen Sie die Eingangsbereische des Zuhhhgähs. Mir gönnen sonst nisch abfahrn!“ AAAAHHHHHHHHHH.

Ich hatte Glück im Unglück. Meine Ecke des Großraumabteils schien mir eine verhältnismäßig ruhige sein. Mütze, Jacke, Pullover – alles riss ich mir vom Leib. Es war heiß. Zu viele Menschen hier im Großraumabteil. Innerlich entkleidete ich mich bis auf die letzte Schale meiner Seele, stets im Angesicht der tobenden Massen im Großraumabteil. Angst stieg in mir auf, ein unangenehmes Gefühl entdeckt zu werden. Schon sah ich die Mäuler der lesegeilen Väter, der belehrenden Mütter und der wütenden IchmusstemitaufdieseScheissmesse-Kinder über mich hereinstürzen. Sie würden mich zerfleischen, denn ich war der Einzige im Abteil und wahrscheinlich auch der Einzige im ganzen Zug, der nicht auf dieser Messe gewesen war. Meine Seele lag brach vor dem rollenden Gericht des Bildungsbürgertums, im Abteil nach Dresden, von Messestadt zur Kulturmetropole.

Meinen bereits aus der Tasche gezückten I-pod ließ ich unaufällig wieder hinab in die Niederungen sinken. Stattdessen nahm ich mir flugs die Süddeutsche zur Hand. „Bloß schnell den Feuilleton-Teil herausblättern. Nein, besser noch! Heute ist doch extra die Literaturbeilage erschienen“, hörte ich zu mir sagen. Wortlos hielt ich den stummen Fetzen in der Hand. Ich hatte ihm nichts zu sagen und er mir nicht. Also blieb die Angst.

Onkel Ralf saß neben mir. Ralf war Onkel vom Max, was ich aus dessen Gespräch mit seiner Mutter mitbekam. Vor mir saß Vater Uwe, anscheinend Bauingenieur – er blätterte ständig in technischen Zeichnungen. Der Rest der Familie las oder unterhielt sich abwechselnd über Bücher und Verlage, wobei Mutter Inge Expertin in Sachen Halbwissen zu sein schien. Onkel Ralf las Comic, Mutter Inge den neuen Kehlmann und dann war da noch Moni, die Frau vom Onkel Ralf. Sie blätterte wild im Austellerverzeichnis mit dem krampfhaften Ziel, ihren achsoschönen Tag auf der Messe noch einmal revuepassieren zu lassen.

Ich hatte genug. Angst wich dem Trotz. Der Griff zum I-pod fiel plötzlich spielend leicht und die „Turin Brakes“ zogen mich nach Dresden.

Turin Brakes. Dark on Fire. Three Crows Music.

Die Tortur Deutsche Bahn überstand: Pittelbot Rex

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